Finanzielle bzw. ökonomische Gewalt in der Beziehung – und warum sie oft viel frĂŒher beginnt, als man denkt

Finanzielle (auch: ökonomische) Gewalt ist nicht erst dann ein Thema, wenn jemand ein Konto sperrt oder eine Unterschrift erzwingt. HĂ€ufig beginnt sie viel frĂŒher und schleichend: Eine Person hat kein eigenes Geld (oder keinen eigenen Zugriff), kann nicht frei entscheiden, verliert den Überblick – und wird dadurch abhĂ€ngig.

Genau diese frĂŒhe AbhĂ€ngigkeit wird in FachbeitrĂ€gen als zentraler Mechanismus beschrieben.[1][2]

In diesem Beitrag findest du:

  • eine Definition (verstĂ€ndlich, aber fachlich)
  • frĂŒhe Warnsignale und typische Muster
  • konkrete Schritte, was du tun kannst
  • PrĂ€vention, damit finanzielle UnabhĂ€ngigkeit in Beziehungen erhalten bleibt
  • Hilfsangebote und Anlaufstellen

Was ist finanzielle/ökonomische Gewalt?

Ökonomische Gewalt umfasst Handlungen, die einer Person wirtschaftlichen Schaden zufĂŒgen oder ihre FĂ€higkeit einschrĂ€nken, Geld und Ressourcen zu nutzen, zu erwerben oder zu behalten. Dazu zĂ€hlt z. B. das EinschrĂ€nken des Zugangs zu finanziellen Ressourcen, Bildung oder Arbeitsmarkt oder das Nicht-Einhalten wirtschaftlicher Pflichten.[3]

Die Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung beschreibt ökonomische Gewalt als Strategie in Partnergewalt, die ĂŒber finanzielle AbhĂ€ngigkeit wirkt – etwa durch Kontrolle, Verweigerung von Zugang zu Geld oder Arbeit und durch Unsichtbarkeit im Alltag.[1]

Auch völkerrechtlich ist die ökonomische Dimension explizit mitgemeint: Die Istanbul-Konvention bezieht Gewalt ein, die zu körperlichen, sexuellen, psychischen oder wirtschaftlichen SchĂ€den fĂŒhrt oder fĂŒhren kann.[4]

Merksatz

Es geht nicht um „gute Haushaltsorganisation“, sondern um Macht und Kontrolle – und darum, dass eine Person weniger echte Wahlmöglichkeiten hat.

Der Kernmechanismus: Weniger eigener Zugriff = weniger Freiheit

Viele FĂ€lle beginnen nicht mit einem einzelnen „Skandal“, sondern mit kleinen Verschiebungen:

  • Eine Person verwaltet „praktisch“ alles.
  • Mit der Zeit gibt es weniger Transparenz und Mitsprache.
  • Am Ende steht: kein eigener Zugriff, keine freie VerfĂŒgung, keine echte Entscheidungsmacht.

Dass finanzielle Gewalt im Alltag vielfĂ€ltig ist und ĂŒber Kontrolle wirkt, betont auch das iff/Geldbiografien in der Stellungnahme und Begleitpublikation.[2][5]

Wie Ă€ußert sich ökonomische Gewalt – besonders frĂŒh und „alltĂ€glich“?

1) Entzug von Mitentscheidung (ohne dass es wie ein Verbot wirkt)

  • Große Ausgaben, VertrĂ€ge oder Sparziele werden ohne echte gemeinsame Entscheidung festgelegt.
  • Diskussionen enden mit „Das entscheide ich“, weil eine Person mehr verdient oder „den Überblick“ hat.

Das entspricht dem Muster „Kontrolle ĂŒber finanzielle Angelegenheiten“, wie es in AufklĂ€rungsressourcen beschrieben wird.[6]

2) Kein eigenes Geld zur freien VerfĂŒgung

  • Es gibt zwar Geld fĂŒr Haushaltsausgaben – aber keinen eigenen Spielraum ohne Rechtfertigung.
  • Du vermeidest Ausgaben, weil du negative Reaktionen erwartest.

Geldbiografien beschreibt finanzielle Gewalt u. a. als bewusst herbeigefĂŒhrte oder ausgenutzte AbhĂ€ngigkeit, die oft unsichtbar bleibt.[7]

3) Informationsentzug: „Vertrau mir“ statt Transparenz

  • Du hast keinen Einblick in Konten, Versicherungen, Kredite oder VertrĂ€ge.
  • Unterlagen bleiben bei einer Person, Passwörter/Logins werden nicht geteilt.

EIGE nennt ausdrĂŒcklich „Restricting access to financial resources“ als Beispiel wirtschaftlicher Gewalt.[3]

4) Sabotage von finanzieller SelbststÀndigkeit (auch subtil)

  • Job- und WeiterbildungsplĂ€ne werden abgewertet oder behindert.
  • Betreuung/Organisation wird so verteilt, dass Arbeit praktisch unmöglich wird.

Auch hier passt die Einordnung ĂŒber EinschrĂ€nkung des Zugangs zu Arbeitsmarkt/Bildung in der EIGE-Definition.[3]

5) Absprachen werden systematisch unterlaufen

  • Vereinbarte BeitrĂ€ge oder Zahlungen werden nicht eingehalten.
  • Es entsteht dauerhafte Knappheit, obwohl eigentlich genug da wĂ€re.

Das iff beschreibt „Erscheinungsformen im Alltag“ als vielfĂ€ltig – inklusive Situationen, die ĂŒber Zeit AbhĂ€ngigkeit verstĂ€rken.[2]

KurzĂŒberblick: Beispiele in einer Tabelle

BereichWoran es sich zeigtTypische Folge
Freie VerfĂŒgungkein eigenes Budget, Ausgaben mĂŒssen begrĂŒndet werdenweniger Autonomie, „Permission“-GefĂŒhl
Mitspracheeine Person entscheidet, andere wird informiertMachtgefĂ€lle, RĂŒckzug aus Entscheidungen
Transparenzkein Einblick in Konten/VertrÀge/UnterlagenUnsicherheit, AbhÀngigkeit
Erwerb/Weiterbildungsubtile Hindernisse, fehlende UnterstĂŒtzungsinkende UnabhĂ€ngigkeit
Pflichtenfinanzielle Absprachen werden unterlaufendauerhafte Knappheit, Druck

Grauzonen: Woran erkennt man, ob es (noch) fair ist?

Eine praktische PrĂŒffrage:

PrĂŒffrage

Hast du freiwillig zugestimmt – und könntest du jederzeit wieder raus, ohne Angst oder Druck?

Drei Mindeststandards, die in gesunden Finanzabsprachen fast immer erfĂŒllt sind:

  • Transparenz: Du kannst jederzeit Einblick in relevante Finanzen bekommen.
  • Gleiches Stimmrecht: Du entscheidest bei großen Fragen wirklich mit.
  • Eigene VerfĂŒgung: Du hast eigenes Geld/Spielraum, ohne dich rechtfertigen zu mĂŒssen.

Wenn diese Punkte regelmĂ€ĂŸig fehlen, ist das ein Warnsignal – auch ohne „Extremereignis“.[1][7]

Was kannst du tun, wenn du ökonomische Gewalt vermutest?

1) Benenne deinen Mindeststandard (klar, aber ruhig)

Beispiele:

  • „Ich brauche eigenes Geld zur freien VerfĂŒgung.“
  • „Ich brauche vollstĂ€ndigen Einblick in alle Konten/VertrĂ€ge, die uns betreffen.“
  • „Bei grĂ¶ĂŸeren Entscheidungen will ich mitentscheiden – mit Zahlen, nicht nur mit BauchgefĂŒhl.“

2) Stelle Transparenz her (so konkret wie möglich)

  • Liste: Konten, VertrĂ€ge, Versicherungen, Kredite, RĂŒcklagen.
  • Zugriff/Einblick fĂŒr beide – nicht nur „Ich sag dir schon, wie es steht“.

3) Sichere Autonomie ab

  • eigenes Konto (oder eigener Zugriff)
  • eigener Notgroschen (auch klein)
  • Dokumentenablage (digital/physisch), die du selbst erreichen kannst

4) Wenn Druck/Angst/Eskalation dazukommt: hol dir UnterstĂŒtzung

Du musst nicht erst „beweisen“, dass es schlimm genug ist.

Hilfsangebote

Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“: 116 016 (anonym, kostenfrei, 24/7, auch Online-Beratung).[8][9]

WEISSER RING Opfer-Telefon: 116 006 (bundesweit, kostenfrei, anonym; Zeiten siehe Website).[10]

Wenn du akut bedroht bist: Notruf.

PrÀvention: Wie finanzielle UnabhÀngigkeit in Beziehungen realistisch gelingt

PrĂ€vention heißt nicht Misstrauen – sondern HandlungsfĂ€higkeit.

In der Beziehung: Regeln statt „Blindflug“

  • regelmĂ€ĂŸiger Geld-Check-in (monatlich reicht oft)
  • klare ZustĂ€ndigkeiten plus gemeinsamer Überblick
  • große Entscheidungen nur mit echter Mitsprache

Freie VerfĂŒgung fest vereinbaren

Ein praktikabler Standard ist:

  • gemeinsame Fixkosten fair verteilen
  • fĂŒr beide ein monatlicher Betrag zur freien VerfĂŒgung (ohne Rechtfertigung)

Dass ökonomische Teilhabe/finanzielle Inklusion als Schutzfaktor relevant sein kann, wird im iff-Kontext ausdrĂŒcklich diskutiert.[5][2]

Digitale Basics (oft unterschÀtzt)

  • eigene Passwörter, sichere GerĂ€te, Banking-Zugang nur selbst kontrollieren
  • keine „AbhĂ€ngigkeit“ ĂŒber Apps/Logins entstehen lassen

HĂ€ufige Fragen

„Wir haben eine Rollenaufteilung – ist das automatisch Gewalt?“

Nein. Entscheidend ist, ob es freiwillig ist, ob beide wissen, wie die Finanzen stehen, und ob beide gleichberechtigt entscheiden können. Wird AbhÀngigkeit bewusst hergestellt oder ausgenutzt, ist das ein Warnsignal.[1][7]

„Warum ist das so schwer zu erkennen?“

Weil es hĂ€ufig ĂŒber „Alltag“ lĂ€uft: Organisation, ZustĂ€ndigkeiten, vermeintliche „Vernunft“. Die bpb betont, dass ökonomische Gewalt oft unsichtbar bleibt, und das iff beschreibt vielfĂ€ltige Erscheinungsformen im Alltag.[1][2]

Quellenverzeichnis

  • [1] Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung (bpb): „Ökonomische Gewalt in Paarbeziehungen“ – bpb.de
  • [2] Institut fĂŒr Finanzdienstleistungen (iff) & Geldbiografien: „Finanzielle Gewalt gegen Frauen – Stellungnahme“ (08.03.2024, PDF) – iff-hamburg.de (PDF)
  • [3] European Institute for Gender Equality (EIGE): Thesaurus „economic violence“ – eige.europa.eu
  • [4] Europarat: „ErlĂ€uternder Bericht zur Istanbul-Konvention“ (PDF) – rm.coe.int (PDF)
  • [5] iff Hamburg: „Finanzielle Gewalt gegen Frauen: Evidenzlage ausbaufĂ€hig – 
 Schutzfaktoren“ (07.03.2024) – iff-hamburg.de
  • [6] MoneyHelper (UK): „Financial abuse: spotting the signs and leaving safely“ – moneyhelper.org.uk
  • [7] Geldbiografien (Dr. Birgit Happel): „Finanzielle Gewalt“ – geldbiografien.de
  • [8] Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ (116 016): Startseite – hilfetelefon.de
  • [9] Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ (116 016): Angebotsbeschreibung – hilfetelefon.de
  • [10] WEISSER RING: Opfer-Telefon (116 006) – weisser-ring.de

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