Ökonomische Gewalt in der Elternzeit: Wenn finanzielle AbhĂ€ngigkeit in der Beziehung entsteht

Elternzeit verĂ€ndert nicht nur den Alltag, sondern fast immer auch die finanzielle Dynamik in einer Beziehung. Und genau hier kann ökonomische (finanzielle) Gewalt frĂŒh beginnen – oft nicht „dramatisch“, sondern schleichend: Eine Person hat weniger eigenes Geld zur VerfĂŒgung, weniger Einblick in die gemeinsamen Finanzen und damit weniger Freiheit, Entscheidungen zu treffen.

Dieser Beitrag erklĂ€rt Definition, frĂŒhe Warnsignale speziell in der Elternzeit und zeigt, was Betroffene tun können – plus prĂ€ventive Regeln, die finanzielle UnabhĂ€ngigkeit stĂ€rken.

Was ist finanzielle bzw. ökonomische Gewalt?

Ökonomische Gewalt umfasst Verhaltensweisen, die wirtschaftlichen Schaden verursachen oder die FĂ€higkeit einer Person einschrĂ€nken, finanzielle Ressourcen zu nutzen, zu erwerben oder zu behalten – zum Beispiel durch Kontrolle, EinschrĂ€nkung von Zugang zu Geld oder das Unterlaufen wirtschaftlicher Pflichten. Definitionen finden sich u. a. bei der Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung und beim European Institute for Gender Equality (EIGE).[1][2][3]

Auch völkerrechtlich ist die ökonomische Dimension klar benannt: Die Istanbul-Konvention fasst Gewalt u. a. als Handlungen, die körperliche, sexuelle, psychische oder wirtschaftliche SchÀden verursachen (oder verursachen können).[4]

Wichtig

Nicht jede traditionelle Rollenaufteilung ist automatisch Gewalt. Der Unterschied ist meist Freiwilligkeit + Transparenz + gleichberechtigte Entscheidungsmacht. Wenn eine Person systematisch weniger Zugriff, weniger Wissen und weniger Spielraum hat, wird aus Organisation ein MachtgefÀlle.[1]

Warum Elternzeit ein besonderes Risikofenster sein kann

In der Elternzeit sinkt hĂ€ufig das Einkommen eines Elternteils (oft der Mutter) und berufliche KontinuitĂ€t wird unterbrochen. Dadurch kann AbhĂ€ngigkeit entstehen, selbst wenn niemand das bewusst „plant“.

Der Zweite Gleichstellungsbericht beschreibt das strukturelle Risiko ausdrĂŒcklich: Wer private Sorgearbeit ĂŒbernimmt (meist Frauen), kann dadurch in finanzielle AbhĂ€ngigkeit vom Partner oder der Partnerin geraten.[5]

Auch die Datenlage zeigt: Elternzeit ist in der Praxis weiterhin ungleich verteilt. Destatis berichtet, dass die Elternzeitquote seit 2023 gesunken ist – ausschließlich aufgrund eines RĂŒckgangs bei MĂŒttern.[6] Gleichzeitig verweist das BMFSFJ auf eine steigende VĂ€terbeteiligung beim Elterngeld (nach Destatis-Zahlen).[7]

Zentrale Botschaft

Wenn Einkommen auseinanderlaufen, brauchen Paare klare Regeln, damit nicht automatisch ein AbhÀngigkeitsverhÀltnis entsteht.

So beginnt ökonomische Gewalt in der Elternzeit oft frĂŒh (und „leise“)

Viele Betroffene erleben zuerst kein „großes Ereignis“, sondern eine VerĂ€nderung: „Ich habe weniger eigene VerfĂŒgung – und muss mich erklĂ€ren.“ Genau solche frĂŒhen Muster werden in FachbeitrĂ€gen zu finanzieller Gewalt als Teil von Kontrolle beschrieben.[8][9][1]

1) Kein eigenes Geld zur freien VerfĂŒgung

  • Es gibt „Haushaltsgeld“ fĂŒr EinkĂ€ufe, aber kein eigenes Budget (ohne Rechtfertigung).
  • Kleine Ausgaben lösen Diskussionen aus („Muss das sein?“), sodass du dich einschrĂ€nkst.
  • Du hast faktisch weniger Wahlmöglichkeiten – obwohl ihr als Familie genĂŒgend Mittel habt.

2) „Ich verdiene – also entscheide ich“

  • Finanzentscheidungen werden einseitig getroffen (VertrĂ€ge, Anschaffungen, Sparziele).
  • Mitbestimmung wird klein geredet („Ich mach das schon“), Zahlen bleiben vage.

3) Fehlende Transparenz (du sollst „vertrauen“, aber nicht wissen)

  • Zugriff auf Konten/Unterlagen/VertrĂ€ge liegt bei einer Person.
  • Du kennst RĂŒcklagen, Kredite, Versicherungen nicht wirklich – oder nur „mĂŒndlich“.

EIGE nennt als Beispiele wirtschaftlicher Gewalt u. a. das EinschrĂ€nken des Zugangs zu finanziellen Ressourcen oder das Nicht-ErfĂŒllen wirtschaftlicher Pflichten.[2]

4) Subtile EinschrÀnkung der Erwerbschancen

Nicht immer als Verbot – oft als Druck:

  • RĂŒckkehr in den Job wird nicht unterstĂŒtzt (Betreuung wird nicht mitgetragen).
  • Weiterbildung oder KarriereplĂ€ne werden abgewertet.
  • SchuldgefĂŒhle werden erzeugt („Du willst doch nicht so frĂŒh wieder arbeiten
“).

FrĂŒhe Warnsignale: Mini-Check fĂŒr Elternzeit

Wenn mehrere Aussagen zutreffen, lohnt sich ein genauer Blick (oder Beratung):

  • Ich habe keinen verlĂ€sslichen eigenen finanziellen Spielraum.
  • Ich habe keinen vollstĂ€ndigen Einblick in Konten, VertrĂ€ge, RĂŒcklagen.
  • Entscheidungen fallen wiederholt ohne mich – obwohl sie mich betreffen.
  • GesprĂ€che ĂŒber Geld enden regelmĂ€ĂŸig in Abwertung, Druck oder Angst.
  • Ich fĂŒhle mich finanziell abhĂ€ngig – und dieses GefĂŒhl beeinflusst, was ich mir „erlaube“.

Dass ökonomische Gewalt hĂ€ufig unerkannt bleibt, wird auch in der Forschung/Öffentlichkeitsarbeit betont – u. a. im Interview des Deutschen Jugendinstituts (DJI).[10]

PrÀvention in der Elternzeit: Regeln, die AbhÀngigkeit verhindern

PrĂ€vention heißt nicht Misstrauen, sondern HandlungsfĂ€higkeit. Viele Konflikte lassen sich vermeiden, wenn ihr Grundprinzipien festlegt, sobald Einkommen auseinanderlaufen.

1) „Gleiche WĂŒrde“ braucht „gleichen Spielraum“

Ein praxistauglicher Standard ist:

  • Jede Person hat monatlich frei verfĂŒgbares Geld, ohne sich rechtfertigen zu mĂŒssen.
  • ZusĂ€tzlich gibt es gemeinsame Budgets fĂŒr Familie/Fixkosten.

Warum das zÀhlt: Das iff diskutiert finanzielle Inklusion und ökonomische Teilhabe als wichtige Schutzfaktoren im Kontext finanzieller Gewalt.[9][8]

2) Sorgearbeit finanziell fair abbilden

Wenn eine Person wegen Betreuung weniger verdient, entsteht sonst automatisch ein Ungleichgewicht. Der Gleichstellungsbericht benennt diese AbhÀngigkeit explizit.[5]

Konkrete Modelle (einfach, aber wirksam):

  • Ausgleichszahlung: Der verdienende Elternteil ĂŒberweist monatlich einen festen Betrag an den Elternzeit-Elternteil (als eigener Spielraum + Ausgleich).
  • Gemeinsame Spar-Logik: Wenn gespart/investiert wird, dann so, dass beide profitieren (z. B. gleiche SparbeitrĂ€ge pro Person oder Ausgleich in der Elternzeit).
  • Transparente Vorsorge: Altersvorsorge ist kein „Privatprojekt“ nur der verdienenden Person.

3) Transparenz-Set (einmal aufsetzen, dann Ruhe)

  • Gemeinsame Übersicht: Einnahmen, Fixkosten, RĂŒcklagen, Schulden, VertrĂ€ge, Versicherungen.
  • Gemeinsame Ablage (Ordner/Cloud), die beide jederzeit nutzen können.

4) Finanz-Check-in: 10 Minuten pro Monat

Kurze Agenda:

  • Was war teuer? Was steht an?
  • Haben beide genug Spielraum?
  • Muss etwas angepasst werden (Betreuung, Teilzeit, Budget)?

Wenn du schon abhĂ€ngig bist: erste Schritte ohne „große Eskalation“

Schritt 1: Benenne dein Minimum

Zum Beispiel:

  • „Ich brauche ein eigenes Budget zur freien VerfĂŒgung.“
  • „Ich brauche vollstĂ€ndigen Einblick in Konten/VertrĂ€ge, die unsere Familie betreffen.“

Schritt 2: Sichere Zugang & Information

Wenn nur eine Person Zugang zu wichtigen Unterlagen hat, ist das ein zentrales Hebelthema – unabhĂ€ngig davon, ob ihr euch sonst gut versteht.

Schritt 3: Hol dir Beratung – auch wenn du dir „nicht sicher“ bist

Du musst nicht beweisen, dass es „schlimm genug“ ist.

Hilfsangebote

Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“: 116 016 (anonym, kostenfrei, rund um die Uhr; auch Online-Beratung)[11]

WEISSER RING Opfer-Telefon: 116 006 (anonym, kostenfrei)[12]

FrauenhÀuser & Fachberatungsstellen finden: frauenhauskoordinierung.de[13]

Wenn du akut bedroht bist: Notruf 110.

Fazit

Ökonomische Gewalt in der Elternzeit beginnt oft nicht mit einem „Schockmoment“, sondern mit weniger eigener VerfĂŒgung, weniger Transparenz und weniger Mitentscheidung. Genau deshalb ist es so wichtig, frĂŒh faire Elternzeit-Finanzen zu vereinbaren: eigener Spielraum, gemeinsamer Überblick und ein Ausgleich fĂŒr Sorgearbeit. Das schĂŒtzt nicht nur vor Gewalt – sondern stĂ€rkt Partnerschaft auf Augenhöhe.

Quellenverzeichnis

  • [1] Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung (bpb): „Ökonomische Gewalt in Paarbeziehungen" (30.10.2025) – bpb.de
  • [2] European Institute for Gender Equality (EIGE): Thesaurus „Economic violence" – eige.europa.eu
  • [3] EIGE: Factsheet „Understanding Economic Violence against Women" (PDF) – eige.europa.eu (PDF)
  • [4] Istanbul-Konvention in deutschem Gesetzestext (PDF, BGBl. 2018 II) – bmbfsfj.bund.de (PDF)
  • [5] Zweiter Gleichstellungsbericht der Bundesregierung – Zusammenfassung (PDF) – bmbfsfj.bund.de (PDF)
  • [6] Statistisches Bundesamt (Destatis): „Personen in Elternzeit" – destatis.de
  • [7] BMFSFJ: „VĂ€terbeteiligung beim Elterngeld erreicht neuen Höchstwert" (12.07.2024) – bmbfsfj.bund.de
  • [8] Institut fĂŒr Finanzdienstleistungen (iff) & Geldbiografien: Stellungnahme „Finanzielle Gewalt gegen Frauen" (08.03.2024, PDF) – iff-hamburg.de (PDF)
  • [9] iff Hamburg: „Finanzielle Gewalt gegen Frauen: Evidenzlage ausbaufĂ€hig – 
 Schutzfaktoren" (07.03.2024) – iff-hamburg.de
  • [10] Deutsches Jugendinstitut (DJI): „Ökonomische Gewalt bleibt bislang oft unerkannt" (Interview) – dji.de
  • [11] Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen" (116 016) – hilfetelefon.de
  • [12] WEISSER RING Opfer-Telefon (116 006) – weisser-ring.de
  • [13] Frauenhauskoordinierung: Frauenhaus- und Fachberatungsstellensuche – frauenhauskoordinierung.de

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